Sonnenlicht ist nicht gleich Sonnenlicht. Es ist ein Spektrum, das sich im Laufe des Tages in seiner Zusammensetzung verändert, und diese Veränderung hat direkte Auswirkungen auf Ihre Haut. Was die Sonne am frühen Morgen ausstrahlt, unterscheidet sich erheblich von dem, was Ihre Haut um zwei Uhr nachmittags erreicht. Das ist kein Detail. Es ist der Kern dessen, wie Ihr Körper Sonnenlicht verarbeitet — und es erklärt, warum Infrarotlicht, das lange Zeit als Nebensache galt, zunehmend als Schlüsselelement beim Hautschutz angesehen wird.
In diesem Artikel erklären wir, wie sich das Sonnenspektrum im Laufe des Tages verschiebt, was Infrarotlicht mit Ihrer Haut macht und was die Wissenschaft über die schützende Wirkung von Nahinfrarot bei UV-Exposition sagt.
Das Sonnenlichtspektrum ist den ganzen Tag über nicht gleich
Sonnenlicht besteht aus drei Hauptkomponenten: ultraviolettem Licht (UV), sichtbarem Licht und Infrarotstrahlung. Das Verhältnis zwischen diesen dreien verschiebt sich ständig, je nachdem, ob die Sonne höher oder tiefer am Himmel steht.
Am frühen Morgen, wenn die Sonne noch tief steht, ist das Licht, das die Erde erreicht, reich an rotem Licht und Nahinfrarot. Die UV-Strahlung ist dann minimal, weil das Sonnenlicht einen längeren Weg durch die Atmosphäre zurücklegt und dabei ein großer Teil der UV-Wellenlängen herausgefiltert wird. Die Sonne steht buchstäblich zu tief für eine starke UV-Exposition.
Im Laufe des Tages, wenn die Sonne ihren höchsten Punkt erreicht, kehrt sich das Verhältnis um. <cite index="28-1">UVB-Strahlen schwanken im Laufe des Tages und sind um die Mittagszeit am stärksten.</cite> Zu diesem Zeitpunkt erreicht die UV-Intensität ihren Höhepunkt und der Infrarotanteil ist relativ geringer. Danach kehrt sich die Situation langsam wieder um: Am späten Nachmittag und Abend dominieren erneut die roten und infraroten Wellenlängen, während UV allmählich abnimmt.
Dieses Muster ist evolutionär nicht zufällig. Unsere Haut hat sich über Millionen von Jahren in einer Umgebung entwickelt, in der dieser Tagesrhythmus des Lichts immer vorhanden war.
Was ist IR-A und wie steht es im Verhältnis zu UV?
Infrarotstrahlung wird in drei Zonen eingeteilt: IR-A (760-1400 nm), IR-B (1400-3000 nm) und IR-C (über 3000 nm). Der Teil, der für den Hautschutz und die tägliche Sonne relevant ist, ist IR-A, auch Nahinfrarot oder NIR genannt.
<cite index="20-1">Von der gesamten Sonnenstrahlung, die die Erdoberfläche erreicht, machen Infrarot A, B und C zusammen etwa 40 Prozent aus. Davon sind etwa 40 Prozent IR-A. Das bedeutet, dass natürliches Sonnenlicht eine IR-A-Bestrahlung von etwa 20 mW/cm² erzeugt.</cite> Zum Vergleich: UV-Strahlung macht nur 6,8 Prozent des Sonnenlichtspektrums aus, das den Boden erreicht. Sichtbares Licht ist für fast 39 Prozent verantwortlich.
Der meisten Aufmerksamkeit für Hautschäden wird UV gewidmet — und das zu Recht, denn UV kann direkte DNA-Schäden verursachen. Aber die Frage, die sich Forscher in den letzten Jahren zunehmend gestellt haben, ist, was die anderen 93 Prozent des Spektrums eigentlich machen. Und genauer gesagt: Ist IR-A ein Freund oder ein Feind der Haut?
Die Studie, die alles in Perspektive rückt
Im Jahr 2016 veröffentlichten der Dermatologe Daniel Barolet von der McGill University, François Christiaens und Michael R. Hamblin von der Harvard Medical School einen Review im Journal of Photochemistry and Photobiology B: Biology mit dem Titel "Infrared and Skin: Friend or Foe." Er wurde zu einem der meistzitierten Übersichtsarbeiten zu diesem Thema.
Ihr zentrales Argument war, dass frühere Studien, die Schäden durch Infrarot an der Haut nachgewiesen hatten, künstliche Lichtquellen mit einer Intensität verwendet hatten, die weit über der tatsächlichen Sonnenbestrahlung lag. <cite index="16-1">In Studien, bei denen Zellen einer minimalen IR-A-Bestrahlung von 333 mW/cm² oder in anderen Studien von 105 mW/cm² ausgesetzt wurden, lagen beide Intensitäten weit über dem, was die Sonne tatsächlich erzeugt. In Wirklichkeit beträgt die IR-A-Bestrahlung der Sonne etwa 20 mW/cm².</cite>
Mit anderen Worten: Die Laborbedingungen, die Schäden zeigten, waren nicht repräsentativ dafür, wie wir Infrarot im täglichen Leben erleben.
Aber Barolet und seine Kollegen gingen über die reine Kritik an früheren Forschungen hinaus. <cite index="18-1">Sie stellten fest, dass IR-A die Haut möglicherweise vorkonditionieren kann, ein Prozess, der als Fotoprotektion bezeichnet wird. Aus evolutionärer Sicht bereitet die Exposition gegenüber IR-A-Wellenlängen im Morgenlicht die Haut auf die schädliche UV-Strahlung vor, die später am Tag folgt. IR-A ist damit eher die Lösung als das Problem. Es tut der Haut mehr als schadet. Letztendlich geht es um die Intensität.</cite>
Fotoprotektion: die Haut, die sich selbst vorbereitet
Der von Barolet beschriebene Mechanismus heißt Fotoprotektion oder Präkonditionierung. Die Idee ist, dass eine IR-A-Exposition am Morgen biologische Schutzwege in der Haut aktiviert, sodass sie dem UV-Höhepunkt um die Mittagszeit besser standhalten kann.
<cite index="20-1">Mehrere In-vitro-Studien haben gezeigt, dass die Präkonditionierung von Fibroblasten mit NIR sie vor bevorstehenden UVB-Schäden schützen kann, indem p53-Zellsignalwege induziert werden, die anti-apoptotische Effekte hervorrufen. In der ersten In-vivo-Studie wurden Probanden vor der UVB-Exposition mit 660 nm Licht behandelt. Die Ergebnisse zeigten eine Verringerung der UVB-induzierten Erythemreaktion bei einer signifikanten Anzahl der vorbehandelten Probanden. Es wurde auch ein SPF-15-ähnlicher Sonnenschutz-Effekt beobachtet, ebenso wie eine Verringerung der postinflammatorischen Hyperpigmentierung.</cite>
Ein SPF-15-äquivalenter Effekt durch Präkonditionierung mit Nahinfrarotlicht. Das ist keine Randbemerkung. SPF 15 blockiert etwa 93 Prozent der einfallenden UVB-Strahlen. Der Vergleich zeigt, wie substanziell der biologische Schutzmechanismus sein kann, wenn die Haut gut vorbereitet ist.
Darüber hinaus zeigten Folgeexperimente, dass Wellenlängen im Nahinfrarotspektrum den stärksten Schutz boten, mit einer überlegenen Reduktion von Erythem im Vergleich zu 660 nm allein.
Was Infrarot mit Kollagen und Feuchtigkeit macht
Neben dem Schutz hat Nahinfrarot auch direkte regenerierende Effekte auf die Hautstruktur selbst. Dies unterscheidet es von Ultraviolett, das auch bei niedrigen Dosen Kollagen über die Aktivierung von Matrix-Metalloproteinasen (MMP-1) abbaut.
<cite index="34-1">Fotobiomodulation stimuliert die Kollagenproduktion über einen Mechanismus, bei dem rotes und Nahinfrarotlicht das Cytochrom-c-Oxidase in den Mitochondrien beeinflussen, die ATP-Produktion erhöhen und Signalwege aktivieren, die die Fibroblastenproliferation fördern. Dies führt zu einer erhöhten Produktion von Kollagen und Elastin und zu einer Reduktion der Enzymaktivität, die Kollagen abbaut.</cite>
Konkret: Während UV Kollagen zerstört, stimuliert Nahinfrarot dessen Produktion. Und wo UV die Haut durch oxidativen Schaden an der Lipidbarriere austrocknet, wirkt Infrarot genau umgekehrt. <cite index="37-1">Regelmäßige Infrarotexposition verbessert die Fähigkeit der Haut, Feuchtigkeit zu speichern. Je mehr sich die Zirkulation verbessert und die Hautbarriere gestärkt wird, desto geringer wird der transepidermale Wasserverlust. Das Ergebnis ist eine geschmeidigere, hydratisierte Haut, die weniger anfällig für matte Flecken und Schuppen ist.</cite>
Dieser Unterschied in der Wirkung auf den Feuchtigkeitshaushalt der Haut ist einer der praktisch relevantesten Unterschiede zwischen UV und IR-A.
Wie sich dies in einen Tagesrhythmus für die Haut übersetzt
Die Wissenschaft hinter der Fotoprotektion und dem Tag-Nacht-Muster des Sonnenspektrums hat eine direkte praktische Implikation: Der Zeitpunkt der Lichtexposition ist relevant.
Morgenlicht ist reich an Nahinfrarot und relativ arm an UV. <cite index="26-1">Je tiefer die Sonne sinkt, verschiebt sich das Spektrum in Richtung Rot und Infrarot. Am frühen Morgen und um die Mittagszeit ist das Sonnenlicht reicher an blauem Licht und UV. Je tiefer die Sonne sinkt, verschiebt sich das Spektrum in Richtung Rot und Infrarot.</cite>
Das ist genau die Situation, auf die die Haut über Millionen von Jahren synchronisiert wurde: zuerst Infrarot zur Aufwärmung und Vorbereitung, danach UV auf dem Höhepunkt des Tages. Die Reihenfolge ist biologisch bedeutsam.
Für Menschen, die am frühen Morgen wenig draußen sind oder die bewusst UV-Exposition vermeiden, aber dennoch die Vorteile des Lichtspektrums nutzen möchten, bietet gezielte Infrarot- oder Rotlichttherapie zu Hause eine Möglichkeit, diese Vorbereitung bewusst anzuwenden, unabhängig von Jahreszeit, Bewölkung oder Arbeitsplan.
Was die Haut nicht verträgt: der Unterschied zwischen therapeutisch und schädlich
Einer der Streitpunkte in der Diskussion über Infrarot und Haut ist, dass Laborstudien mit extrem hohen Intensitäten manchmal Schäden zeigten. Es ist wichtig, dies in Perspektive zu rücken.
Medizinische Geräte und Kosmetikprodukte nutzen Infrarottechnologie auf eine präzise Weise, mit ausgewählten Wellenlängen von etwa 600-900 nm, niedrigen Intensitäten von etwa 10-50 mW/cm² und begrenzten Expositionszeiten von 15-30 Minuten pro Sitzung. Dies ist dazu gedacht, die Vorteile zu nutzen und das Risiko von Nebenwirkungen zu minimieren.
Die schädlichen Effekte, die in einigen Studien gefunden wurden, traten bei Intensitäten von 105 bis mehr als 300 mW/cm² auf, was mehreren Stunden tropischer Mittagssonne in einer Sitzung entspricht. Das ist keine repräsentative Situation für die tägliche Verwendung einer therapeutischen Lampe.
tVergleich: was macht UV, und was macht IR-A?
| UVB | UVA | Nahinfrarot (IR-A) | |
|---|---|---|---|
| Penetrationstiefe | Epidermis | Tiefe Dermis | Tiefe Dermis und Subdermissgewebe |
| Kollagen | Wird über MMP-1 abgebaut | Wird über freie Radikale abgebaut | Stimuliert die Produktion über Fibroblastenaktivität |
| Feuchtigkeitsbilanz | Trocknet die Haut aus | Schädigt die Lipidschicht | Verbessert die Feuchtigkeitsbindung, reduziert TEWL |
| Hyperpigmentierung | Stimuliert die Melaninproduktion | Tieferer Pigmenteffekt | Kann postinflammatorische Hyperpigmentierung reduzieren |
| Verbrennung | Ja, primäre Ursache | Nein, aber DNA-Schäden | Nein, keine ionisierende Wirkung |
| Regenerierender Effekt | Keiner | Keiner | Ja, über Fotobiomodulation |
| Präkonditionierung | Über UVB möglich, aber ionisierendes Risiko | Nicht beschrieben | Ja, in vivo nachgewiesen |
Häufig gestellte Fragen
Kann Infrarot Sonnenbrand verhindern? Infrarot ersetzt keine Sonnencreme. Fotoprotektion ist ein biologischer Mechanismus, der die Hautreaktion auf UV reduziert, vergleichbar mit einem SPF-15-Schutzniveau bei einer Präkonditionierung mit 660 nm Licht kurz vor der UV-Exposition. Bei hoher UV-Intensität ist dennoch ein angemessener Sonnenschutz erforderlich.
Kann ich Infrarottherapie mit Sonnenexposition kombinieren? Ja. Die therapeutische Anwendung am Morgen passt zum natürlichen Muster des Sonnenspektrums. Verwenden Sie Heimgeräte immer in den empfohlenen Intensitäten und Zeiten.
Trocknet Infrarot die Haut aus? Nein. Dies ist eine der Unterscheidungsmerkmale gegenüber UV. Nahinfrarot verbessert die Feuchtigkeitsbarriere der Haut und reduziert den transepidermalen Wasserverlust.
Ist Infrarot dasselbe wie Sonnenwärme? Nicht genau. Alle Sonnenwärme fühlt sich wie Infrarot an, aber therapeutisches Infrarot verwendet spezifische Wellenlängen (630-900 nm für Nahinfrarot) bei niedrigen Intensitäten. Der Wirkmechanismus ist primär biologisch, nicht thermisch.
Wann ist die beste Zeit, um Infrarotlicht zu verwenden? Am frühen Morgen passt es in das natürliche Muster des Lichtspektrums. Zu diesem Zeitpunkt ist der zirkadiane Rhythmus auch am empfänglichsten für rotes und infrarotes Licht.
Quellen
- Barolet, D., Christiaens, F., & Hamblin, M.R. (2016). Infrared and skin: Friend or foe. Journal of Photochemistry and Photobiology B: Biology, 155, 78–85. PubMed
- Schieke, S.M., Schroeder, P., & Krutmann, J. (2003). Cutaneous effects of infrared radiation: from clinical observations to molecular response mechanisms. Photodermatology, Photoimmunology & Photomedicine, 19(5), 228–234.
- Wunsch, A., & Matuschka, K. (2014). A controlled trial to determine the efficacy of red and near-infrared light treatment in patient satisfaction, reduction of fine lines, wrinkles, skin roughness, and intradermal collagen density increase. Photomedicine and Laser Surgery, 32(2), 93–100. PMC3926176
- Effects of Infrared Radiation on Skin Photo-Aging and Pigmentation. PMC2687728
- Eucerin (2025). Sonnenlicht: Einfluss von UVA und UVB auf Ihre Haut. eucerin.nl
- Dr. Jetske Ultee (2026). Warum Sie trotz Sonnencreme manchmal trotzdem Schäden erleiden. dr-jetskeultee.nl
Disclaimer: Dieser Artikel dient zu Informationszwecken und ersetzt keine medizinische Beratung. Bitte konsultieren Sie bei Hautbeschwerden oder Zweifeln stets einen Dermatologen oder Hauttherapeuten.